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DIE MUSTERUNGSLISTE DER STADT MAYEN AUS DEM JAHRE 1609

"Von Röhren Musquetten und Spiessen"...Das militärische Aufgebot der Stadt unter die Lupe genommen.

Die Musterungsliste von 1609, ein "militärisches" Dokument des beginnenden 17. Jahrhunderts, das bisher (nach meinem Wissen) nur aus genealogischer Sicht betrachtet wurde. Sicher sind die genannten Namen wichtig, auch einige meiner Ahnen sind in der Liste aufgeführt, jedoch fand ich auch den restlichen Inhalt interessant genug, um Ihm auf dieser Seite einen Platz einzuräumen. Der folgende Text war nur möglich da der Autor und Historiker Peter Engerisser mir mit seinem Fachwissen zur Seite stand. Dafür an dieser Stelle nochmals vielen Dank !

Die Namen der darin aufgeführten Männer finden Sie hier:

"Musketiere", "Gemeine Schützen", "Langspießer", "Hellebardiere" und "Schlachtschwertiere" - das sind die in der Liste genannten Truppenarten, die im Jahre 1609 das militärische Aufgebot der Stadt Mayen bildeten. Aber was genau ist ein Schlachtschwert und was unterscheidet den "Gemeinen Schützen" vom "Musketier" ? Was kann uns die Bewaffnung dieses "Bürgeraufgebots"  verraten ? Die Antworten auf diese Fragen geben interessante Antworten auf das militärische Leben unserer Vorfahren vor 400 Jahren.

Von den Rüstungen

Von Körperpanzerungen und Helmen ist in den Mayener Listen im Einzelnen nicht die Rede. Jedoch ist es klar das die meisten, wenn nicht alle Männer über einen gewissen Schutz verfügt haben müssen. Das tragen von Rüstungen war verbreitet, und Pikeniere (Langspiesser) und Männer die Nahkampfwaffen anderer Art führten mussten auch gepanzert sein. Helme waren das Minimum. Brustpanzer sind wahrscheinlich. Unter den Langspiessern der Stadt Mayen fällt uns sofort der Jacob Arnolts auf. Denn dieser "hat seine Rüstung". Sicher heißt das NICHT das NUR der Jacob Arnolts eine Rüstung hatte; wahrscheinlicher ist, das Jacob seine EIGENE Rüstung hatte und dies aus diesem Grund erwähnt wurde. Die anderen Soldaten werden aus den Rüstkammern der Stadt ausgerüstet worden sein.

Von Musketieren und Gemeinen Schützen

Die in der Liste aufgeführten Musketiere und die Gemeinen Schützen unterschieden sich nur grundsätzlich in der Art Ihrer Bewaffnung. Die Waffe die dem Musketier seinen Namen gab, war eine bis zu 10 Kilo schwere Luntenschlossmuskete mit einem Kaliber von 18mm bis 21mm (Kaliber 12 Kugeln aufs Pfund). Dieses Gewehr konnte bis zu 1,70 lang sein und durch sein enormes Gewicht und seinen massiven Rückstoß nahm der Schütze zum ablegen der Waffe eine Stützgabel, ein so genanntes "Forkett", zur Hilfe. Er führte im frühen 17. Jahrhundert außerdem ein Bandelier, einen Lederriemen mit kleinen Holzfläschchen, mit sich. In diesen Fläschchen befand sich je eine Pulverladung für einen einzelnen Schuss. Das Laden der unhandlichen Waffe wurde so erheblich vereinfacht. Die Durchschlagskraft dieser Muskete war höher und ihre Reichweite größer als die Waffe der "Gemeinen Schützen", jedoch mussten die Musketiere auf ein großes Maß an Mobilität verzichten. Es ist als wahrscheinlich anzusehen, dass nur Männer mit einer gewissen Erfahrung mit diesen Waffen ausgerüstet wurden, da Ihre Handhabung schwieriger und ihr Wert höher war als der anderer Waffentypen.

Der "Gemeine Schütze" findet als solcher noch Erwähnung in Jacob de Gheyns Exzerzierordnung "Von den Rören, Musquetten und Spiessen..." (Amsterdam 1608). Anstatt der schwereren Muskete führte er das so genannte Rohr, oder Schützenrohr (Somit wurde er auch als Rohrschütze bezeichnet). Dieses war zwar in seiner allgemeinen Form mit der Muskete identisch, jedoch hatte es ein kleineres Kaliber von 14mm bis 16mm (24 Kugeln aufs Pfund), war kürzer (bis maximal 1,40 Meter) und war somit ca. 1/3 leichter als die Muskete. Dies ermöglichte es dem Schützen seine Waffe auch ohne Stützgabel abzufeuern und gab ihm eine größere Mobilität. Durch das kleinere Kaliber musste das "Rohr" jedoch Einbußen bei der Durchschlagskraft und der Reichweite machen. Auch trug der Rohrschütze kein Bandelier mit Pulvermaßen sondern er lud seine Waffe direkt aus einer großen Pulverflasche die er an einem Rieden, dem so genannten "Flaschenhangsel" mit sich führte.

Rohrschützen waren ursprünglich als leichte und mobile Eingreiftruppe gedacht. Junge und/oder unerfahrene Schützen wurden vorzugsweise mit Rohren ausgerüstet. Erst wenn sie den Umgang mit diesen gemeistert hatten und körperlich in der Lage waren die großen Musketen zu führen kamen sie zu den Musketieren.

Die Rohre kamen aufgrund Ihrer mangelnden Feuerkraft im Laufe des 30jährigen Krieges außer Gebrauch. Wallhausen erwähnt in seiner "Kriegskunst zu Fuß" (Oppenheim 1615) die Rohrschützen nur noch ganz kurz. In dem "Kriegsbüchlein" von Peter Isselburg (1620) werden Rohrschützen überhaupt nicht mehr erwähnt. Nachdem der Schwedenkönig Gustav Adolph II im Jahre 1624 einen leichteren, moderneren Musketentyp (ca. 4,5 bis 5 Kilo) einführte und diese später auch bei den kaiserlichen Truppen eingeführt wurden, verschwanden die "Rohre" vom Schlachtfeld.

In städtischen Aufgeboten und Ausschusskompanien jedoch, blieb das "Rohr" weiterhin, bis zum Ende des 30jährigen Krieges, in Gebrauch. Zum einen, weil man auf Wehrgängen etc. wendiger war. Zum zweiten benötigte man keine Stützgabeln, weil man auf Streichwehren, Mauerbrüstungen etc. auflegen konnte. Zum dritten hatte man innerhalb von Städten auch gezogene Rohre zur Verfügung (die gab es seit der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts), falls eine größere Reichweite gefordert war, was Musketen im Prinzip überflüssig machte. Zum vierten waren in den Zeughausbeständen der Städte (so wohl auch in Mayen) meist noch große Bestände an leichten Schützenrohren vorhanden.

Von den langen Spiessen

Die Langspiesser oder auch Pikeniere stellten vom 15. bis zum 17. Jahrhundert die schwere Infanterie in großen Teilen Europas dar und waren nach ihrer Hauptwaffe, der Pike benannt. Die Bezeichnung Pike wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts von dem französischen Wort pique entlehnt, das sich von dem Verb piquer ("stechen") ableitet. Die Pike selber konnte eine maximale Länge von bis zu 7 Metern erreichen und war leicht herzustellende, und billige Waffe. Als Abwehrwaffe gegen Reiterei sollte ihre Reichweite die Länge der ritterlichen Lanzen übertreffen. In der Technik der Riposte, am Boden aufgestützt eingesetzt, diente sie dazu, den angreifenden Gegner auflaufen zu lassen und anstürmende Kavallerie zu stoppen. Einen Eindruck haben diese Waffen auch sprachlich hinterlassen - "Spießgesellen" und "Spießer" sind auch noch heute ein Teil unseres Wortschatzes.

Die Taktik des massiven Einsatzes von Pikenträgern wurde außerhalb der Schweiz durch die Landsknechte verbessert, indem man durch eine tiefere Staffelung die Beweglichkeit der Formationen erhöhte. Zudem wurden die Pikeniereinheiten im Laufe des 16. Jahrhunderts immer stärker durch (Feuerwaffen) Arkebusen- und dann auch durch Musketenschützen ergänzt. In Spanien ging man dazu über, die Musketenschützen an den Ecken des Gewalthaufens zu postieren. Die spanischen Pikenierformationen waren in der Regel 50 Mann breit und 30 Mann tief. Diese Formation wurde auch in anderen Teilen Europas übernommen und war als Tercio oder Spanisches Viereck bekannt.



Während des 16. Jahrhunderts kämpften die Pikeniere oft noch im Nahkampf gegeneinander. Bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren viele Pikeniere durch einen Brust- und Rückenpanzer und einen offenen Helm geschützt. Zudem waren die meisten Pikeniere mit einer Nahkampfwaffe wie zum Beispiel einem Schwert, einem Degen oder einem Dolch bewaffnet. Gelang es einer Pikenierformation in eine gegnerische Einheit eine Bresche zu schlagen, rückten sofort mit Hellebarden oder manchmal auch Zweihandschwertern bewaffnete Söldner vor, um einen Einbruch in die gegnerischen Linien zu erzielen. Starb ein Pikenträger im Gefecht, rückte sofort sein Hintermann auf. In einem Gefecht zwischen zwei Pikenierformationen verkeilten sich diese meist, weshalb die Ergänzung der Gewalthaufen durch Arkebusenschützen unentbehrlich war. Möglicherweise setzte man auch mit Zweihandschwertern bewaffnete Söldner ein, die in einer festgefahrenen Gefechtssituation einen Einbruch ermöglichen sollten. Im spanischen Tercio gab es schon keine Hellebardiere mehr, die Pikeniere stellten jetzt die einzigen Nahkämpfer der Infanterie dar. Das Manövrieren der großen Pikenierformationen war äußerst schwierig und erforderte einen intensiven militärischen Drill. Zudem wurden seit dem späten 15. Jahrhundert Trommler eingesetzt, die das Marschtempo vorgaben. An den Rändern der Formation wurden Feldwebel postiert, die eine ordnende Funktion übernahmen. Die Feldwebel waren mit einer Hellebarde bewaffnet, die nicht nur als Rangsymbol diente, sondern auch als Werkzeug zum Zusammenhalten der Formation. Marschierte ein Pikenier nicht im Gleichschritt mit den anderen, musste er damit rechnen, dass ihn ein Feldwebel zur Strafe mit der flachen Seite der Hellebarde schlug. Im Gefecht wurde eine Pikeniereinheit zusätzlich durch lautstarke Befehle manövriert.

Das zahlenmäßige Verhältnis von Pikenträgern zu Musketieren verschob sich im Laufe des Dreißigjährigen Krieges zugunsten letzterer. Auch der Vorteil der Pikeniere gegenüber der Reiterei wurde ausgeglichen, da diese Gegentaktiken wie die Caracolla entwickelte. In der Mitte des 17. Jahrhunderts machten die Pikeniere in den meisten europäischen Heeren weniger als ein Drittel der Infanterie aus. Trotzdem schienen sie zu dieser Zeit immer noch für die Abwehr der Kavallerie unentbehrlich. Erst die Perfektionierung der Salven-Taktiken bei den Handfeuerschützen und vor allem die Verbreitung des Bajonetts und auch der Schweinsfedern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts machten die Pikeniere allmählich überflüssig.

Pikeniere waren zunächst recht angesehen, da ihre Aufgabe eine hohe Disziplin erforderte und sie selbst schwere Kavallerieeinheiten erfolgreich bekämpfen konnten. Im Laufe der Zeit sank ihr Ansehen aber deutlich, da sie spätestens zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges den Musketenschützen beigeordnet waren und sich mit einer Reiterei konfrontiert sahen, die den Frontalangriff mied. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen ließ den Protagonisten seines Werkes "Der seltzame Springinsfeld" im 13. Kapitel über die Pikeniere höhnen:

"Und dannenhero glaube ich daß der jenige der einen Piquenirer nidermacht (den er sonst verschonen köndte) einen unschuldigen ermordet / und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob dise arme Schiebochsen (mit disem Spöttischen Namen werden sie genennet) gleich creirt seyn / ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reutter im freyen Feld zubeschützen / so thun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid / und geschicht dem allererst recht / der einem oder dem anderen in seinen langen Spies rennet. Jn Summa ich habe mein Tage viel scharpffe Occasionen gesehen / aber selten wahrgenommen / daß ein Piquenirer jemand umgebracht hette."

Der Anteil der Langspiesser ist im städtischen Aufgebot der Stadt Mayen verhältnismäßig gering. Bei der Verteidigung von Städten galt es nicht in "großen Formationen" zu kämpfen, sondern hier mussten Mauern auf engen Platzverhältnissen verteidigt werden. Piken fanden bei der Stadtverteidigung deshalb nur in Ausnahmefällen Verwendung, z. B. bei der Abwehr von Sturmversuchen der Angreifer über Leitern oder eine geschossene Mauerbresche. Dies erklärt die verhältnismäßig geringe Anzahl von 20 Langspiessern im Mayener Aufgebot.

Von Hellebarden und Schlachtschwertern

Ganze 12 Männer im Mayener Aufgebot sind mit Hellebarden und Schlachtschwertern ausgerüstet. Bevor ich die Frage nach dem "Warum" beantworte, will ich auch hier kurz auf die einzelnen Waffen eingehen.

Hellebarden um 1600

Bei beiden Arten handelt es sich um Waffen für den Nahkampf. Mit zwei Händen geführt sind das Schlachtschwert und auch die Hellebarde (oder auch Helmbarte) furchterregende Waffen. Es ist sicher davon auszugehen, dass die Männer, die diese Waffen führten, sich körperlich und auch erfahrungsmäßig von dem Rest des städtischen Aufgebots unterschieden. Ein Schwert oder auch eine Hellebarde zu führen bedarf eines gewissen Könnens und ausgesprochen harten Nerven. Das potentielle Risiko eines Nahkampfes mit diesen Waffen war nichts für zarte Gemüter.

Zweihänder oder auch "Schlachtschwerter". Die beiden oberen sind deutsch, frühes 17. bzw. spätes 16. Jahrhundert. Das unterste stammt aus Schottland.

Hellebardiere fanden meist bei der Erstürmung von Breschen oder Schanzen bzw. im Nahkampf Verwendung. Die landläufigen Meinung, Helmbarten (zeitgenössisch auch "Kurze Wehren" genannt) hätten im Dreißigjährigen Krieg nur noch als Trabantenwaffen (Leibwache) oder Präsentationswaffen gedient (weil auch die Unteroffiziere jeder Kompanie Helmbarten als Rangabzeichen trugen) ist falsch. Diese Waffen wurden bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges auch im Kampfeinsatz verwendet, wie zahlreiche zeitgenössische Schilderungen belegen. So schreibt Robert Munro, 18th Baron Foulis (+1633) ein schottischer Oberst in schwedischen Diensten, in seinen Erinnerungen: "wenn es um das Erstürmen einer Bresche, oder den Nahkampf geht, ist eine kurze Wehr (short staff=Helmbarte) die erste Waffe meiner Wahl."

Schlachtschwerter fanden häufig bei Kommandoaktionen, z. B. bei Ausfällen der Belagerten in die feindlichen Schützengräben Verwendung. Und passen so wunderbar ins Gesamtbild des städtischen Aufgebots. So überliefert bei den Belagerungen Kronachs 1634 und der Veste Coburg 1635.  Schlachtschwerter waren ideale Waffen für den Grabenkampf. Bei der Belagerung Regensburgs 1634 ist die Verwendung von Schlachtschwertern bei Ausfällen der schwedischen Verteidiger in die Laufgräben (Approchen) der kaiserlichen Belagerer mehrfach erwähnt. Auch dies widerspricht der landläufigen Meinung so genannter Experten, Schlachtschwerter (die bekannten Bidenhänder) hätten im 17. Jahrhundert bzw. im Dreißigjährigen Krieg nur noch der Repräsentation gedient. Diese Annahme ist Unsinn.

Nachwort

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestand eine Kompanie Fußvolk noch aus 300 Mann.
Davon waren idealerweise:
120 Pikeniere
120 Musketiere
40 Rohrschützen
20 Hellebardiere

Wallhausen 1615 bringt folgende Zusammensetzung einer Kompanie von 300 Mann zu Fuß:
100 Pikeniere
160 Musketiere
20 Hellebardiere
20 Rondartschiere (Schwertträger mit schußfesten Rundschilden).

Alternativ:
120 Pikeniere
160 Musketiere
20 Hellebardiere


Das Verhältnis der Waffengattungen war bei den städtischen Defensionstruppen bzw. Bürgeraufgeboten ist umgekehrt zu den Feldarmeen:
2/3 Schützen
1/3 Musketiere.

Dieses Verhältnis findet sich auch im Mayener Aufgebot wieder. Bei der Verteidigung von Städten galt es nicht in "großen Formationen" zu kämpfen, sondern hier mussten Mauern auf engen Platzverhältnissen, flexibel verteidigt werden.

Ergänzungen folgen. 

Zur HAUPTSEITE
 

Ich möchte hier noch auf das Buch von Peter Engerisser "Von Kronach nach Nördlingen. Der Dreißigjährige Krieg in Franken, Schwaben und der Oberpfalz 1631-1635"  hinweisen. In meinen Augen DAS Standardwerk zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges.